Überblick
Giorgio de Chirico, der italienische Maler und Begründer der Pittura metafisica, ist der am gründlichsten erforschte Fall, in dem die Migräneaura mit einem modernen künstlerischen Stil in Verbindung gebracht wird. Der britische Neurologe G. N. Fuller und der Kunsthistoriker M. V. Gale veröffentlichten 1988 im British Medical Journal Forschungen, die nahelegen, dass die Migräne mit Aura grundlegende Züge von de Chiricos Bildsprache mitgeprägt hat.



De Chiricos zentrale Werke – Das Rätsel eines Herbstnachmittags (1909), Porträt Apollinaires (1914) und zahlreiche Gemälde mit isolierten Figuren in weiten, geometrisch präzisen Stadträumen – weisen wiederkehrende visuelle Motive auf, die mit Phänomenen der Migräneaura korrespondieren: räumliche Verzerrung, ungewöhnliche Perspektivverhältnisse, isolierte leuchtende Formen und eine traumhafte Qualität trotz präziser Ausführung.



Fuller hielt fest, dass de Chirico in seiner innovativsten Phase „häufig krank“ war, und biografische Forschungen bestätigen häufige Krankheitsphasen in jenen Jahren, in denen seine markanteste künstlerische Arbeit entstand. Das „Metaphysische“ seiner Werke – das Gefühl, gewöhnliche Szenen aus einem gesteigerten, veränderten Wahrnehmungszustand heraus zu sehen – passt zu Beschreibungen, wie die Migräneaura das Bewusstsein verändert. De Chiricos Werk verwandelt die neurologischen Phänomene der Migräne in ein philosophisches und ästhetisches Prinzip.







