Überblick
Das 20. und 21. Jahrhundert haben eine beispiellose Annäherung von Neurowissenschaft, Psychologie und Kunstgeschichte gebracht. Mit der Entwicklung des medizinischen Verständnisses der Migräneaura – insbesondere durch Oliver Sacks und die zeitgenössische Neurologie – wurde es erstmals in neuer Weise konzeptuell möglich, direkte Verbindungen zwischen Migränephänomenen und künstlerischer Innovation nachzuvollziehen.
Die modernen Künstler:innen dieses Abschnitts stehen in unterschiedlichen Beziehungen zur Migräne. Manche, wie Giorgio de Chirico, sind Gegenstand strenger neurologischer Analysen, die zeigen, wie Migräneaura die grundlegenden Züge der Metaphysischen Malerei geprägt haben dürfte. Andere, wie Georgia O’Keeffe, dokumentierten ihre Migräneerfahrungen und deren Rolle für ihr künstlerisches Schaffen ausdrücklich. Wieder andere wie Yayoi Kusama haben das gelebte Erleben von Migräne und damit verbundenen Halluzinationen in monumentale Werke verwandelt, die Betrachtende in die Wahrnehmungswelt der Migräne hineinziehen.
Diese Werke belegen: Migräne ist keine historische Kuriosität und kein Randphänomen der Kunstgeschichte, sondern eine produktive Kraft, die die visuelle Kultur der Gegenwart weiterhin formt.