Überblick
Jean-Jacques Grandville (das Pseudonym Jean Ignace Isidore Gérards) war ein gefeierter französischer Karikaturist und Illustrator des 19. Jahrhunderts, dessen phantasievolle, oft fantastische Kompositionen die Bildsprache europäischer Satire und Comic-Kunst prägten. Sein ambitioniertestes Werk, Un autre monde (Eine andere Welt), führte sequenzielle Erzählung und imaginative Verwandlung in die bildende Kunst ein und etablierte Konventionen, die spätere Comic- und Phantastik-Illustration prägten.
In seinem umfangreichen Werk steht La migraine, eine Lithografie, die der Migräneerfahrung mit bemerkenswerter Genauigkeit begegnet. Entscheidend ist: Grandville zeigt nicht den Kopfschmerz, sondern die sensorischen Phänomene der Migräneaura – visuelle Verzerrungen, Sehverlust und olfaktorische Halluzinationen. Diese Spezifität unterscheidet seine Arbeit deutlich von zeitgenössischen englischen Karikaturen wie George Cruikshanks Headache, die das körperliche Leiden und schmerzzentrierte Bilder in den Vordergrund stellen.
Grandvilles Fokus auf die Aurasymptome statt auf den Kopfschmerz legt entweder eigene Erfahrung mit Migräneaura oder eine genaue, fundierte Auseinandersetzung mit Berichten von Betroffenen nahe. Seine Lithografie hält die charakteristischen Wahrnehmungsstörungen fest, die die Migräneaura ausmachen: die Desorientierung, die sensorischen Eigenheiten, die neurologischen Sonderbarkeiten, die einem Anfall vorausgehen oder ihn begleiten. Diese fachliche Genauigkeit wurde später von Seuil – dem französischen Verlag von Oliver Sacks’ bahnbrechendem Werk Migraine – gewürdigt, der Grandvilles Bild für die einfühlsame Darstellung der Aurasymptome auswählte und damit anerkannte, dass Grandville die eigentliche neurologische Erfahrung der Migräne in einer Weise eingefangen hatte, die sich gänzlich von schmerzzentrierten Darstellungen unterscheidet.