Überblick
Die Künstler:innen dieses Abschnitts reichen vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert – einer Zeit, in der das medizinische Verständnis von Migräne noch begrenzt war, die Erkrankung jedoch bereits weithin bekannt war und in biografischen Berichten häufig dokumentiert wurde. Bei manchen Persönlichkeiten wie Hildegard von Bingen erlaubt der historische Befund, Verbindungen zwischen dokumentierter Migräneerfahrung und ihrer charakteristischen Bildsprache zu ziehen. Bei anderen wie William Blake sind die Parallelen zwischen Werk und Migränephänomenen zwar überzeugend, biografisch aber weniger fest belegt.
Was diese historischen Künstler:innen auszeichnet, ist die Tatsache, dass ihr Leben und Werk dem modernen neurologischen Verständnis der Migräneaura vorausgingen. Sie erlebten Migräne ohne die begrifflichen Rahmen, die heutigen Betroffenen zur Verfügung stehen. Für mittelalterliche Mystiker:innen und Renaissance-Visionär:innen erschien die Migräneaura als Offenbarung oder mystische Erfahrung. Für Künstler:innen und Schriftsteller:innen des 19. Jahrhunderts war sie ein Leiden, das es zu ertragen, zu dokumentieren und manchmal – wie bei Grandville oder Gavarni – mit Humor und sozialem Blick darzustellen galt.
Diese Werke sind die frühesten zusammenhängenden künstlerischen Auseinandersetzungen mit Migräne in der westlichen Kultur.