Alwa Glebe

Migräne und Musik

Eine deutsche Singer-Songwriterin, deren Musik unmittelbar aus ihrer eigenen Migräne schöpft — darunter ein Musikvideo, das sie als visuelle und musikalische Darstellung eines Anfalls beschreibt.


Neben anderen Bedeutungsebenen ist das Musikvideo „Irrlichter“ („Will-o’-the-wisps“) „eine unbewusste visuelle und musikalische Darstellung der Migräne, an der ich damals litt“.

„Eine unbewusste visuelle und musikalische Darstellung der Migräne, an der ich damals litt.“— Alwa Glebe, E-Mail an Klaus Podoll, 5. Mai 2007

Alwa Glebe / Lennart Lessmann, Musikvideo Irrlichter, 2005

Darüber, wie die Migräne in ihren kreativen Prozess eingeht:

„Im Grunde gehe ich mit der Migräne auf zwei verschiedene Weisen um: zum einen, um den Schmerz zu bewältigen und intuitive Einsicht zu finden (während eines Anfalls habe ich zum Beispiel ‚Irrlichter‘ gesungen, das Titelstück meines zweiten Albums, das damals noch kaum jemand kannte) — zum anderen, um über die durchlittene Tortur nachzudenken, wobei ich die Migräne in einen viel größeren Zusammenhang stelle, nicht nur als isolierte Krankheit gesehen.“— Alwa Glebe, E-Mail an Klaus Podoll, 9. Mai 2007

Über Schmerz und Nietzsche:

„Nun ja, wie Nietzsche über den Schmerz nachdenkt, ist dir bekannt, und ich brauche dem nichts hinzuzufügen. Seine heroische Version würde ich nicht völlig teilen, aber ich bin sicher, dass Schmerz durchaus in eine anregende und erkenntnisbringende Erfahrung verwandelt werden kann.“— Alwa Glebe, E-Mail an Klaus Podoll, 9. Mai 2007

Alwa Glebes imitatio Nietzsche: über Wahlverwandtschaften zwischen migräne-inspirierten Künstlern

„Wow! Was für ein faszinierendes Interview / ein faszinierender Artikel! Vielen Dank, dass du mich das lesen lässt. Es gibt einen tiefen Einblick in deine Migräneerfahrungen und auch in dich als Person — deine Intelligenz und Stärke und deine Entschlossenheit, die Migräne zu nutzen, statt dich von ihr niederdrücken zu lassen. Es ist sehr aufschlussreich und so interessant zu sehen, wie Nietzsche und de Chirico so ähnliche Erfahrungen und Umgangsweisen mit ihnen hatten. Mich hat die außergewöhnliche Klarheit fasziniert, die du (und sie) erlebst, und das Gefühl emotionaler Kälte danach. Das ergibt für mich Sinn, denn es scheint, als würdest du aus der Emotion herausgehoben und löst dich ab — was natürlich eine große Luzidität mit sich bringt.

Auch wenn du atheistisch wirkst, liegt darin eine starke mystische Qualität — das Gefühl von Einheit und zugleich Loslösung, die Klarheit, die Fähigkeit, sehr schnell zu denken. Das ließ mich an Krishnamurti denken, der ein spiritueller Lehrer war und sehr heftige Migräne hatte … Krishnamurti war ein interessanter Mann — ich habe vor vielen Jahren seine Autobiografie gelesen. Er nannte seine Migräne ‚The Process‘ und nutzte sie, um große Zustände der Loslösung und mystischen Einheit zu erreichen.

Ich glaube, dass du recht hast mit den Zuständen der Einheit in der Migräne, wenn du bereit bist, den Schmerz anzunehmen, und dich dem hingeben kannst, was er dir zeigen kann. Viele Menschen teilen diese Sicht natürlich nicht und nehmen sie rein als Fluch wahr; aber für Menschen wie dich, de Chirico und andere gibt es einen kreativen Funken, der durch diesen Prozess der Hingabe entzündet wird. Das wird für viele Menschen eine Offenbarung sein, und ich bin sicher, es wird anderen sehr helfen!“

— L., E-Mail an Alwa Glebe, 28. September 2008

Literatur

  1. Podoll K. Alwa Glebe’s imitatio Nietzsche: on elective affinities between migraine-inspired artists. In: Rose FC (Hrsg.) The Neurology of Music. Imperial College Press, London 2010.
  2. Podoll K. Migraine aura as source of artistic inspiration in the German ‘dark chanteuse’ Alwa Glebe. In: Rose FC (Hrsg.) The Neurology of Music. Imperial College Press, London 2010: 203–219.