Lewis Carroll (1832–1898)

Überblick

Charles Lutwidge Dodgson, besser bekannt als Lewis Carroll, schrieb Alice im Wunderland (1864) und Alice hinter den Spiegeln (1871) – zwei der phantasievollsten Werke der englischen Literatur. 1999 veröffentlichten der Neurologe Klaus Podoll und Derek Robinson in The Lancet Forschungen, die nahelegen, dass Carrolls surreale Erzählungen von seinen eigenen Migräneaura-Erfahrungen inspiriert worden sein könnten.

Lewis Carroll (Charles Lutwidge Dodgson), 1832–1898

Die Belege sind, wenn auch indirekt, überzeugend. In einem Tagebucheintrag von 1885 hielt Carroll fest, dass er „zum zweiten Mal jene eigentümliche Sehstörung erlebt habe, mit beweglichen Festungen, gefolgt von Kopfschmerz“ – eine klare Beschreibung der visuellen Migräneaura mit ihren charakteristischen Flimmermustern. Noch suggestiver ist eine Skizze, die Carroll zwischen 1855 und 1862 in seinem Notizbuch Mischmasch fertigte. Die Zeichnung zeigt eine elfenartige Figur, sorgfältig ausgearbeitet bis auf eine auffällige Auslassung: Die rechte Gesichtshälfte sowie Teile von Schulter, Handgelenk und Hand fehlen – als seien sie hinter einer unsichtbaren Grenze verborgen. Dieses Muster entspricht einem negativen Skotom, jenem Gesichtsfeldausfall der Migräneaura, bei dem Betroffene Objekte in bestimmten Bereichen ihres visuellen Raums nicht sehen können.

Carrolls Mischmasch-Notizbuch

Als Carroll im Januar 1856 den Augenarzt Mr. Bowman konsultierte, erwähnte er weder Schmerz noch körperliche Verletzung. Podoll und Robinson vermuten, er habe nach einer Erklärung für dieses eigentümliche visuelle Phänomen gesucht. Skizze und ärztliche Konsultation zusammen sprechen dafür, dass Carroll in den Jahren vor der Entstehung der Alice-Bücher Migräne-Halluzinationen erlebte. Das Wiederauftreten dieser Aurasymptome über die Jahre könnte die ausgefeilten Traumlandschaften des Wunderlands erklären – Alices Tränke, mit denen sie wächst und schrumpft, ihre räumlichen Verzerrungen und die schrittweise Auflösung der Grinsekatze sind Phänomene, die an die eigentümlichen visuellen Transformationen der Migräneaura erinnern.

Die verzerrte Zeitwahrnehmung des verrückten Hutmachers und der veränderte Maßstabseindruck im gesamten Werk – „immer kuriouser und kuriouser“ – passen zu den Symptomen des Alice-im-Wunderland-Syndroms (Makro- und Mikrosomatognosie), jener perzeptuellen Störungen, die eine Migräneaura begleiten können. So mag Carroll seine eigenen neurologischen Erfahrungen in den Stoff seiner Literatur überführt haben und Werke geschaffen haben, die Generationen von Leser:innen verzaubern und zugleich – ungewollt – die subjektive Wirklichkeit der Migräne dokumentieren.